Versöhnung
Versöhnung – eine historische Perspektive darf den Blick für die Zukunft nicht verlieren
Europas größte Leistung: Die Wahrung des Friedens
Das europäische Projekt hat wie kein anderes politisches Projekt der letzten Jahrzehnte zur dauerhaften Wahrung des Friedens auf dem Alten Kontinenten beigetragen. Dabei darf nicht vergessen werden, dass genau dieser Kontinent im Verlauf seiner langen Geschichte die meiste Zeit Schauplatz langer Kriege und gewaltreicher Konflikte gewesen ist.
Dem heutigen Vertrauensverhältnis der europäischen Völker untereinander ging die gegenseitige Ver- und Aussöhnung voraus. Restloses Vergeben und endgültiges Verzeihen haben die größten Trümmer des Zweiten Weltkrieges aus dem Weg geräumt – die Wut, den Hass und das Ansinnen auf Rache. Sie haben den Weg frei gemacht zu einer vertrauensvollen und ungeahnt engen Zusammenarbeit zwischen den Staaten und Völkern Europas. Mehr noch: Heute kann man von einer “europäischen Identität” sprechen.
Die glücklicherweise nach wie vor bestehende Vielfalt der Traditionen und Kulturen ist dabei kein Hindernis. Im Gegenteil: Im gegenseitigen Respekt – was freilich mehr ist als Toleranz oder Akzeptanz – liegt der erste und entscheidende Schritt der Entwicklung einer Einheit in Vielfalt. Diese Vielseitigkeit bei gleichzeitiger gemeinsamer Stärke zeichnet Europa und seine Rolle in der Welt aus. Der Weg dahin war nicht leicht. An seinem Anfang stand die Versöhnung.
Vergeben und Versöhnen heißt nicht Verleugnen und Vergessen
Den Zeitzeugen des Krieges standen die schrecklichen Erlebnisse jener Zeit viel zu sehr vor Augen, als dass sie auf die Idee hätten kommen können, das Vergessen zur Voraussetzung für den gemeinsamen Dialog zu machen.
Heute, mit zunehmendem Abstand zur leidvollen Epoche der großen Weltkriege, meinen nicht wenige Menschen, man müsse “endlich vergessen”, um wirkliche Versöhnung möglich zu machen. Diese Auffassung teile ich nicht.
Erlittenes Unrecht lindern wir nicht dadurch, dass wir es schlichtweg verleugnen. Vergebung bedarf der Reue der Täter und der Milde der Opfer. Die nachfolgenden Generationen stehen in der Verantwortung, zur Geschichte ihrer Vorfahren zu stehen. Sie dürfen der Versuchung nicht erliegen, die Geschichte neu schreiben zu wollen. Freilich hatten die jungen Generationen nach dem Krieg die Möglichkeit, ein neues Kapitel der Beziehungen unter den Völkern aufzuschlagen. Und sie haben sie genutzt.
Versöhnung ganz konkret: Deutsche und Tschechen
Vertreibung, Benesch-Dekrete und andauernde Grundstücksstreitigkeiten – das waren die Schlagworte, die noch bis in unsere Tage die Debatte über die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschen und Tschechen geprägt haben. Auf der zwischenmenschlichen Ebene werden jedoch zunehmend andere Signale gesandt. Längst verbindet Bayern mehr mit dem Land mit der längsten Grenze zum eigenen Staatsgebiet als das gemeinsame rein volkswirtschaftliche Gewinnstreben. Es gilt, die Beziehungen zu pflegen. Die gemeinsame Geschichte und Kultur von Bayern und Böhmen muss daher im Vordergrund der staatlichen Förderung stehen. Die Junge Aktion der Ackermann-Gemeinde bietet vorbildliche Austauschmaßnahmen zwischen jungen Leuten an. Das „A und O“ der Verständnisses ist allerdings die Sprache und daher ist die Förderung gegenseitiger Sprachkenntnisse dringen erforderlich. In gemeinsamen Kulturveranstaltungen oder auch getrennten tschechischen Festivals auf bayrischem Boden oder bayrischen Kulturevents in der Tschechischen Republik. Kultur verbindet.
Europäer müssen sich kennen – und ihre gemeinsame Kultur
Was für Bayern und die Tschechische Republik im Speziellen gilt, das gilt auch für Europa im Allgemeinen. Kultur verbindet. Und Europa hat viel Kultur und viele Kulturen aufzuweisen. Die historisch gewachsenen Gemeinsamkeiten sind unübersehbar. Hier gilt es anzusetzen, wenn man aus Versöhnung dauerhafte Aussöhnung machen will.
Am Anfang steht die Aufklärung. Erste europäische Geschichtsbücher sind Vorreiter einer gemeinsamen Geschichtsschreibung. Ohne regionale oder nationale Brauchtümer aufzugeben kann es gelingen, ein europäisches Gedächtnis zu prägen. Wenn wir so einen ähnlichen Blick auf unsere Herkunft gewinnen, ist es um ein Vielfaches leichter, die Vision einer gemeinsamen Zukunft zu entwerfen. Unterschiede und Meinungsverschiedenheiten wird es auch weiterhin geben. Sie sind notwendig, wenn Europa nicht in Selbstgefälligkeit zergehen will.
Doch bei Erinnerungen und Visionen darf es nicht bleiben: Europa braucht Fortschritt und Entwicklung. Es sind daher vor allem die jungen Menschen, die von den Vorzügen der europäischen Idee überzeugt werden müssen.
Möglichkeiten, diesen politischen Ansatz gesellschaftliche Realität werden zu lassen, gibt es viele: Austauschprogramme, Sprachförderung, Partnerschaften – all das befördert junge Menschen durch Europa. Und mit ihnen den Frieden. Denn Freunde führen keinen Krieg miteinander.


