Familie
Familie – die Zukunft Europas
Europa und seine Bevölkerung
Schon heute leben nur noch in jedem zweiten EU-Haushalt Kinder. Länder wie Polen, Litauen, Zypern, Irland und die Slowakei verzeichnen zwar immer noch Werte von über 60 Prozent an Haushalten mit Kindern, der Trend geht aber in ganz Europa in Richtung einer steigenden Quote von Haushalten ohne Kinder. Die Prognosen, die vor einer Überalterung Europas warnen, sind besorgniserregend. Vor 100 Jahren waren 15 Prozent der Weltbevölkerung Europäer, aktuell sind es etwa sieben Prozent und bis Mitte des 21. Jahrhunderts wird dieser Anteil voraussichtlich auf fünf Prozent sinken. Dabei wird Europa auch älter: Das Durchschnittsalter der EU-Bürger wird von 39 Jahren (2004) bis zum Jahr 2050 auf 49 Jahre ansteigen. Aufgrund der steigenden Lebenserwartung wird es zu einer dramatischen Erhöhung der Zahl der Menschen mit einem Alter von über 80 Jahren kommen.
In fast allen Regionen Europas lassen sich heute folgende Entwicklungen beobachten: die Geburtenrate sinkt seit Mitte der 1960er Jahre, die Kinderlosigkeit steigt mit zunehmendem Bildungsgrad der jungen Generation und der Wunsch nach Kindern nimmt ab, insbesondere bei Männern.
Hoher Kinderwunsch – geringe Geburtenraten
Tatsache ist aber auch, dass sich die Menschen in der Europäischen Union mehr Kinder wünschen, als derzeit zur Welt kommen. Als Gründe für die Kinderlosigkeit werden bei der Auswertung dieser Daten die “höheren Opportunitätskosten” für Frauen mit erfolgreichen Karriereaussichten, der Wertewandel mit der einhergehenden Individualisierung, die sinkende Zahl von dauerhaften Beziehungen (Eheschließungen) sowie die Verfügbarkeit und Verbreitung von Schwangerschaftsverhütungsmitteln angesehen. Potentielle Eltern, die sich ihren Wunsch nach einem Kind oder weiteren Kindern nicht erfüllen, sehen als wichtigste Ursache die zusätzlichen Kosten, die Sorge um einen drohenden sozialen Abstieg und um die Zukunft ihrer Kinder.
Die Diskrepanz zwischen dem angestrebten Kinderwunsch europäischer Eltern (durchschnittlich 2,3) und ihrer tatsächlichen Kinderzahl (1,5) muss verringert werden. Vor dem Hintergrund des demographischen Wandels ist es von großer Bedeutung, dass die Politik auch in Brüssel und Straßburg die Bedeutung der Familie wiederentdeckt.
Familie und Kinder: private Entscheidung – öffentliche Folgen
Es liegt nicht nur im Interesse der Eltern, Kinder zu haben, sondern im Interesse unserer Gesellschaft. Zwar muss die Familie selbst Privatsache jedes einzelnen bleiben, es hat aber Folgen für das Gemeinwesen, wenn es nicht mehr Familien in ausreichender Anzahl und Größe gibt.
Von der Zukunft der Familie und der weiteren Bevölkerungsentwicklung hängen auch die wirtschaftlichen Perspektiven für Europa ab. Qualifizierte Arbeitnehmer sind für die Produktion von Waren und Dienstleistungen genauso notwendig wie umgekehrt Verbraucher für deren Konsum. Ein nicht geringer Teil der Qualifizierung junger Menschen wird dabei in den Familien geleistet. Europa ist als innovative Wachstumsregion in Zukunft noch stärker auf dieses “Humankapital” angewiesen.
Mehr als Humankapital: Humanvermögen
Viel mehr als nur das “Humankapital” braucht unsere Gesellschaft Bürgerinnen und Bürger mit “Humanvermögen”. Dabei handelt es sich um mehr als die Fachkompetenz qualifizierter Mitarbeiter. Humanvermögen beinhaltet die “Kompetenz zum Dasein”, die Fähigkeit zur Bewältigung des Alltags und zum Erwerb von Werthaltungen und Handlungsorientierungen. Im Humanvermögen sind diejenigen Voraussetzungen zusammengefasst, von denen der Staat lebt, ohne sie selbst schaffen zu können.
Die Familie als Keimzelle der Gesellschaft hat im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte einen großen Wandel auch in ihrer Verantwortung für das Gemeinwesen durchschritten: Die Aufgabe der wirtschaftlichen Erhaltung, der Versorgung im Krankheitsfall, bei Invalidität oder im Alter ist zu großen Teilen an den Staat übergegangen. Übrig geblieben ist die Kernkompetenz der Familie: Zeugung des Nachwuchses, dessen Sozialisation und Erziehung sowie die Pflege der innerfamiliären Beziehungen, also die Bildung des Humanvermögens. Familienpolitik ist in diesem Sinne auch Politik zur Bildung von Humanvermögen. Die jungen Menschen in Europa brauchen Ermutigung und Unterstützung dafür, das Abenteuer Familie wieder vermehrt einzugehen.
Familienpolitik als Politik für Familien
Ich setze mich ein für ein familienfreundliches Europa ein, in welchem den Familien Schutz gewährt wird und Förderung zukommt. Die Familie als Institution geht dem Staat voraus. Es geht nun darum, bewährte politische Grundüberzeugungen auf eine sich wandelnde Lebenswirklichkeit unserer Familien anzuwenden. Freiheit und Gerechtigkeit müssen die Grundprinzipien jeder zukunftsgerichteten Familienpolitik sein. Ich will mich dafür einsetzen, dass unseren Familien echte Wahlfreiheit sowie wirkliche Leistungs- und Chancengerechtigkeit zu teil wird.
Für Leistungsgerechtigkeit
Leistungsgerechtigkeit gegenüber Familien muss vorrangiges Ziel jedes politischen Handelns sein. Den Familien darf aus ihrem selbst erwirtschafteten Einkommen nicht genommen werden, was sie im Gegensatz zu Kinderlosen für sich selbst aufwenden müssen. Wer seine Familie nicht aus selbst erwirtschafteten Einkommen unterhalten kann, muss durch staatliche Transfers gefördert werden. Eltern leisten einen generativen Beitrag für die Erhaltung unserer Sozialsysteme und der Gesellschaft, der dem monetären Beitrag mindestens ebenbürtig ist und dementsprechend in vollem Umfang berücksichtigt werden muss. Das ist nicht zuletzt auch im Interesse der Zukunftssicherung für alle Mitglieder dieser Gesellschaft, nicht nur derjenigen, die Kinder haben.
Für Chancengerechtigkeit
Im Sinne der Chancengerechtigkeit für alle Kinder in einer solidarischen Gesellschaft muss gewährleistet sein, dass jedes Kind entsprechend seinen Fähigkeiten gefördert wird und somit die Chance erhält, einen qualifizierten Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten.
Für Wahlfreiheit
Ich setze mich für die Wahlfreiheit unserer Familien ein. Die Entscheidung über das persönliche Familienmodell und die Ausrichtung der Erziehung sind vor staatlichen Eingriffen zu schützen – allerdings nur unter der Prämisse, dass das Wohl des Kindes in jedem Fall gewährleistet ist. Wer sich aufgrund persönlicher Lebensumstände oder Überzeugungen für die außerhäusliche Betreuung seiner Kinder entscheidet, soll dies ohne Verurteilung durch Andere tun dürfen und können. Der Staat hat Sorge zu tragen für eine ausreichende und qualitativ hochwertige Infrastruktur. Wer sich bewusst für die Erziehung der Kinder im eigenen Hause entscheidet, soll dies ebenso frei von Benachteiligung und Diskriminierung tun dürfen und können. Das ist nicht nur eine Verpflichtung für die Politik, sondern insbesondere auch für die Wirtschaft, die viel zu einer kinder- und familienfreundlichen Gesellschaft beitragen kann.


